Von den melischen Nymphen zur Jungfrau Maria : eine Bienengeschichte. Julia Sa Pinto Tomas

Traduction : Hilfiker Bernhard, Claire Montazeaud (sous la direction de Pierre Bourstin)

français

Das hebräische Wort „Biene“ ist eine Ableitung aus der Wurzel „Dbr“, die „Wort“ bzw. „Rede“ bedeutet. Dies zeigt die Zweckbestimmung dieses Tieres : das Wort Gottes, die Wahrheit zu offenbaren. Ehe die kleinen Jungen zum Lehrer zwecks Erlernung des Alphabets geschickt werden, backen die Mütter in etlichen jüdischen Gemeinden Honigkuchen in Form von Buchstaben, damit die Zöglinge einen Vorgeschmack davon bekommen, wie Süss die Erkenntnis sein kann.

Seit der Urzeit kommt der Biene ein nicht zu unterschätzender symbolischer Wert zu als Offenbarungszeichen für die göttliche Macht. Das Interesse des Menschen für dieses Tier erklärt sich zweifelsohne durch die Umwandlung von Blütenstaub in Honig sowie durch die Organisation innerhalb des Bienenstocks. Genügsamkeit, Enthaltung von Fleischkonsum und Geschlechtsverkehr, harte Arbeit, Sauberkeit, Ruhe, Sinn für das Gemeinwohl, Disziplin, Geselligkeit und Einiges mehr werden diesem Insekt zugeschrieben. Daher ist leicht ersichtlich, warum die Biene die Vorstellung eines Menschenbildes inpiriert hat, das in engem Zusammenhang steht mit Frauenbildern wie Gattinnen, Jungfrauen und Heiligen. Darüberhinaus scheint der Honig, der wohl bis zum Mittelalter das einzige konzentrierte Süssmittel darstellte, durch Farbe, Textur und Geschmack am ehesten dem göttlichen Nektar zu entsprechen.

Der vorliegende Beitrag nimmt sich vor, die Beziehung zwischen Mensch und Tier unter besonderer Berücksichtigung der inneren Verbindung von Wirklichkeit und Imaginärem zu beleuchten. Die Biene in Ihrer Beziehung zum Menschen kann in der Tat Gegenstand verschiedener Forschungsgebiete sein, etwa der Sozial-, Kultur- und Religionsgeschichte. Ein besonderes Interesse verdient der Sozialstatus der Frau in den nachstehend behandelten Epochen, nämlich klassische Antike, christliches Mittelalter und napoleonische Epoche.

1. Die Bienen von Aristaios, Ambrosius von Mailand und Napoleon

Die drei bekanntesten Namen, die im Abendland mit Bienen in Verbindung gebracht werden, sind Aristaios, eine ländliche Gottheit des griechischen Pantheons, Ambrosius von Mailand, ein Kirchenvater des Mittelalters, und Napoleon. Alle drei heben eine historische Kontinuität in der Symbolik der Bienen hervor. Dadurch kann eine Parallele erstellt werden zwischen Mythologie und Bienenzucht sowie zwischen religiösen und landwirtschaftlichen Bräuchen. Interessant ist letztlich zu vermerken, dass diese Männergeschichten die Grundlage eines Ideals der „domestizierten Frau“ geliefert haben, das als Stützpunkt eines ideologischen Konstrukts im Begriffsfeld Weiblichkeit fungiert.

a. Aristaios, der Meister der Bienen

Laut Virgil war Aristaios, Sohn von Kyrene und Apollo, ein Sterblicher. Er blieb es jedoch nicht, wurde er doch von den Horen mit der Götterspeise Ambrosia ernährt. Die Nymphen brachten ihm die Bienenzucht bei und die Musen die Kunst der Viehzucht und des Weinbaus. Dadurch wurde er zu einem in Griechenland und im alten Rom als Meister der Bienen hochverehrten Halbgott. Eines Tages verliebte sich Aristaios in Eurydike, die Gattin von Orpheus. Sein Sexualtrieb brachte ihn dazu, sie zu verfolgen um sie zu vergewaltigen. Eurydike ergriff die Flucht, wurde aber dabei von einer Schlange gebissen und starb. Als Rache nahmen die Nymphen Aristaios seine Bienenstöcke weg. Dem Rat seiner Mutter folgend versuchte Aristaios, die Götter mit einem Sühneopfer von vier Stieren und vier Färsen zu besänftigen. Zu seinem grossen Erstaunen entflogen aus den Tierkadavern der Opfer Bienenschwärme.

Was wir dieser Erzählung entnehmen ist in erster Linie die Wiedergeburt der jungfräulich reinen Bienen nach Schlachtung und Verwesung der Opfertiere. Auf diesen Punkt kommen wir zurück im dritten Teil der vorliegenden Analyse über die Heiligen.

b. Die Bienen von Ambrosius von Mailand

Nach der christlichen Tradition birgt die Biene die göttliche Weisheit in sich. Der Legende von Ambrosius von Mailand nach empfing der Säugling im Schlaf einen Bienenschwarm in seinem Mund, und wachte lächelnd und bei voller Gesundheit auf. Ambrosius, der von 374 bis 397 Bischof von Mailand war, genoss den Ruf, arbeitsam, sanftmutig und wohlwollend zu sein. Ambrosius wurde zu einem der Arbeiter Christi und zum Schutzpatron der Imker. In einer seiner Predigten verglich er das Kloster mit dem Bienenhaus, wo Ordnung, Arbeit, Stille, Sauberkeit und Gehorsam herrschen sollen. Das Symbol der Biene unterstreicht den Stellenwert der Keuschheit und der Jungfräulichkeit. Ein Charakteristikum der Arbeiterinnen ist es nämlich, dass sie kümmerlich entwickelte Eierstöcke haben. Sie sind steril und haben keinen Geschlechtsverkehr. Die Beziehung zwischen der Biene und der Jungfräulichkeit ist daher offensichtlich. In Mittelalter galt die Biene als Symbol der unbefleckten Empfängnis. Honig wird mit Muttermilch verglichen und laut Hadewijch von Antwerpen “ist Jesus Honig in unserem Mund” (Zitat aus Gilles Tétart, Le Sang des fleurs. Une anthropologie de l’abeille et du miel, Paris, Odile Jacob, 2004, S. 169). Der Honig nimmt somit den symbolischen Wert des irdischen Glücks an und die Biene den der sublimierten Fruchtbarkeit.

C. Die imperialen Bienen Napoléons

1804 erwägt Napoleon, der zu diesem Zeitpunkt nur Erster Konsul ist, schon die Gründung eines Kaiserreiches mit neuen Symbolen. Unter den vorgeschlagenen Tieren nehmen die Bienen eine hervorragende Stelle ein, denn nach dem Erzkanzler des Kaiserreiches Jean-Jacques Régis de Cambacérès stehen sie als Sinnbild für “eine Republik, die einen Chef hat” (Zitat aus Michel Pastoureau, Les Animaux célèbres, Paris, Bonneton, 2002, S. 186). Zudem hatten Vergil und die Kirchenväter ebenfalls in der Bienengesellschaft ein für die Menschen perfektes soziales Modell gesehen.

Für diese symbolische Wahl gab es einen anderen Grund : die Bienen waren das Abzeichnen der Merowinger, einer königlichen Dynastie, die Frankreich ehemals regiert hatte. 1653 wurde das Grab von Childerich I. (gest. 481 nach Christus), König der Franken und Chlodwigs Vater, in Tournai entdeckt, wodurch die Erinnerung an die Bienen bei den Franzosen wieder aufgefrischt worden war. Im Grab befanden sich ca. dreissig kleine emaillierte bienenförmige Juwele.

Daher trug Napoleon goldene Bienen auf seinem purpurnen Mantel am Tag seiner Krönung. Bienen waren auch allenthalben zu sehen auf den Wandtapeten und Vorhängen seines Palasts, der Gerichte und der kaiserlichen Behörden.

Die Ikonologie des Mittelalters und der Renaissance führt also eine neue Dimension ein : die Vorstellung eines Königreiches, in dem die Bienen die Untertanen sind und ihr König (wohlgemerkt männlich) den Herrscher darstellt. Brunetto Latini, einer der berühmtesten Enzyklopädiker dieser Epoche, schrieb 1263 :

„Die Bienen führen eine Hierarchie in ihr Volk ein und behalten eine Unterscheidung zwischen dem einfachen Volk und der Gemeinschaft der Bürger. Sie wählen ihren König. […] derjenige, der als König gewählt wird und Herr über alle wird, ist derjenige, der am grossten, am schönsten ist und das beste Leben führt. […] Aber wenn er auch König ist, sind die Bienen völlig frei und besitzen eine uneingeschränkte Macht : aber der Gute Wille, den ihnen die Natur geschenkt hat, macht sie dennoch liebenswert und ihrem Herrn gehorsam. […] Die Bienen lieben ihren König so sehr und mit solcher Treue, dass sie der Meinung sind, es sei gut zu sterben um ihn zu schützen und zu verteidigen.“ [1]

Dieser Abschnitt veranschaulicht deutlich die Ideologie, die zu jener Zeit in Bezug auf Königtum und Knechtschaft vorherrschte. Vermutlich war es ebendieser Aspekt, der Bonaparte zu seiner Entscheidung bewog.

2. Technik und Symbolik

Da sich die Bienenzucht durch ihre Verfahrenweisen von der herkömmlichen Tierzucht unterscheidet und ihr wichtigster Arbeitsschritt, die Honigernte, einem Diebstahl gleicht, kommt der Biene innerhalb Tierwelt eine Sonderstellung zu. Auch geniesst sie unter Landwirten ein ganz besonderes Image. In der folgenden Analyse wird deutlich werden, wie wichtig die Bienenzucht für die Mythologie der Biene und des Honigs ist, oder, mit anderen Worten, inwiefern die Technik die Symbolik beeinflusst.

a. Das Wesen der Biene

Die Biene ist ein hoch organisiertes Insekt. Grundsätzlich unterscheidet man in einem Bienenstock drei Klassen : die Königin, die Arbeiterinnen und die männlichen Bienen. Die Arbeiterinnen sammeln Pollen, produzieren das Gelée royale und den Honig und legen Wasservorräte an. Die Königin legt Eier. Die männlichen Bienen, auch Drohnen genannt, dienen ausschliesslich der Befruchtung der Königin. Neigt sich der Sommer seinem Ende zu, werden sie von den Arbeiterbienen vom Bienenstock vertrieben und verhungern binnen kurzer Zeit.

Diese weibliche Überlegenheit bei den Bienen hat die männliche Vorstellung stark inspiriert. Ein erstaunliches Ereignis im Leben der Königin ist ihr Hochzeitsflug, den sie nur einmal in ihrem Leben unternimmt. Dabei lässt sich die jungfräuliche Königin im Flug von mehreren Drohnen befruchten. Nachdem sie das männliche Sperma in ihrer „Spermathek“ gespeichert hat, zieht sich die Königin in den Bienenstock zurück, um dort tausende von befruchteten Eiern zu legen. Für die Drohnen endet dieser Hochzeitsflug tödlich, da ihre Geschlechtsteile bei der Befruchtung abgetrennt werden und im inneren der Königin zurückbleiben (Chevallier, 1987).

Die Mythologie kennt zahlreiche Versionen des Liebe und Tod vereinenden Paarungsakts. Als Beispiel soll hier Hesiods Theogonie dienen, die die Geburt der melischen Nymphen (Meliaden) erzählt. Hesiod beschreibt, wie Kronos die Hoden seines Vaters Uranos abschnitt, aus dessen Blut, das dabei auf Gaia, die Erde, fiel, die Giganten, die Erynien (Rachegöttinnen), Aphrodite und die melischen Nymphen entstanden.

Interessant an dieser Geschichte ist hierbei die Tatsache, dass die Geburt, genauso wie in der Welt der Bienen, das Resultat einer Kastration ist. Auf diese Weise erscheint die Kastration als Ursprung des Lebens. Dies führt wiederum auf die zwei grundlegenden Aspekte der Landwirtschaft zurück : Schneiden und wachsen lassen. In dieser Hinsicht scheint es relevant festzustellen, dass das Vokabular der Bienenzucht der Pflanzenzucht, und nicht etwa der Viehzucht entstammt. In der Landwirtschaft stehen die beiden Begriffe „schneiden“ und „wachsen lassen“ für eine wohltuende Handlung. Im Bereich der Symbolik repräsentieren sie denn auch die Taten, die zur Gründung der Menschheit führen.

Der französische Imkerjargon liefert eine weitere wichtige Verbindung zwischen der Mythologie und der Welt der Bienen. So lautet der französische Ausdruck für die Honigernte, die zur erneuten Honigproduktion der Bienen führt, „châtrer les ruches“, was wörtlich soviel wie „die Bienenhäuser kastrieren“ bedeutet. Die Metapher ist mehr als offensichtlich : Um an die himmlische Nahrung zu gelangen, bedarf es der Entmannung. Es kann also festgestellt werden, dass die Verarbeitung tierischer und pflanzlicher Ressourcen philosophische und religiöse Überlegungen hervorrufen kann.

b. Honig und Unsterblichkeit

In einer Analyse der gesellschaftlichen Vorstellungen der Biene ist es unverzichtbar, die mit dem Honig und dem Wachs verbundenen Überzeugungen zu erwähnen. In der griechisch-römischen Tradition gilt der Honig als ein Produkt, das den Körper gegen die Spuren der Zeit schützt. Im Bereich der Thanatopraxie werden Honig und Wachs zur Konservierung von Verstorbenen verwendet. Erwähnenswert ist auch das Licht der Kerze, Nachahmung des Feuers und einzige Lichtquelle in den Nächten der Antike. All diese Aspekte erklären, weshalb die Produkte des Bienenstocks mit Unsterblichkeit und purer Energie in Verbindung gebracht werden. Eine andere Form purer Energie ist das Feuer. Nun sind die Meliaden die Wächterinnen der Manna-Esche, die aufgrund ihres süssen Rindensafts auf das mythische Bild des Honigs verweist. Zudem wird dieser Baum des Urhonigs zum Träger des himmlischen Feuers als er von Zeus’ Blitz getroffen wird, durch den die Menschen das Feuer entdecken. Somit wird also ein gedankliches Konstrukt erkennbar, das symbolische Zusammenhänge kreiert, die das Feuer mit dem Honig verbinden. Dadurch wird die religiöse Stellung der Biene nur noch verstärkt.

Pindar schreibt, die Nymphen hätten die Menschen davon überzeugt, kein Fleisch mehr zu essen und sich dafür ausschliesslich von Honig zu ernähren. Im Übrigen waren Fleischkonsum und blutige Opfer für die Pythagoräer und Orphiker verdammenswert, da ihrer Meinung nach der Vegetarismus es ihnen ermöglichte, sich dem göttlichen Zustand anzunähern. In seiner neuplatonischen Schrift Über die Enthaltsamkeit von fleischlicher Nahrung erwähnt Porphyrios den Wunsch der Pythagoräer, durch eine Ernährung, die ausschließlich auf Früchten und Honig basiert, zum goldenen Zeitalter zurückzufinden.

Von diesem Denkansatz ausgehend ist es kaum verwunderlich, den Honig und seine Herstellerin die Biene als Symbole für physische und moralische Reinheit wieder zu finden. Denn in der antiken Vorstellung reinigte der Mensch durch den Fleischverzicht nicht nur seinen Körper, sondern zügelte zusätzlich auch seine sexuellen Gelüste. Tatsächlich führt laut Aristoteles ein Übermass an Nahrung zu einem Übermass an Spermien und somit zu einer Überproduktion von Fett durch den Körper. Der Honig scheint also auf gesellschaftlicher Ebene mit einer Ernährungsform in Verbindung zu stehen, die zur Zähmung der Sexualität führt.

Einer derartigen Keuschheit entspricht die Biene restlos. Wie die Nymphen weisen auch die Bienen eine vegetarische Ernährung und ein besonders diskretes Sexualverhalten auf. Wie zuvor bereits erwähnt, sind die Arbeiterinnen jungfräulich und steril, was sie zum idealen Symbol für die Jungfräulichkeit macht. Zudem vermeiden sie jegliche Fäulnis oder Unreinheit. So finden sich im Bienenstock keine Exkremente, und tote Insekten werden mit Wachs überzogen, um dadurch Viren und Bakterien vorzubeugen. Die Bienen verkörpern somit die absolute Reinheit.

Um einen Zusammenhang mit der folgenden Analyse herzustellen, muss als letzter Punkt noch die Tatsache erwähnt werden, dass diese Insekten kein Blut besitzen. Dies ist insofern wichtig, als das menstruale Blut das eindeutige Zeichen für die Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann war.

3. Frauen und Bienen

Im antiken Griechenland bezeichnet das Wort „nymphe“ (numphê) auch die Braut am Tag ihrer Hochzeit. Mit anderen Worten ist die Nymphe die heiratsfähige Jungfrau, die das väterliche Haus für dasjenige ihres Ehemanns verlässt. Es darf nicht vergessen werden, dass in der politisch-rechtlichen Ordnung dieser Zeit die Stadt nur von Männern verwaltet wird, was sich in einem politischen Ausschluss der Frau äussert. Diese wird nur durch die Ehe in die Stadt integriert, wohl wissend, dass sie immerzu nur Ehefrau eines Bürgers, nie aber eine Bürgerin an sich sein wird. Die einzigen Ausnahmen bilden die Priesterinnen, die den mystischen Nymphen gleich in Abgeschiedenheit leben und jungfräulich sind.

Die Ehe wird so zum notwendigen Schritt für die Reife der Frau. Das Verlieren der Unschuld ist also der Akt, der den Übergang in ein zweites Leben, von der Jungfrau zur Ehefrau und Mutter, kennzeichnet. Die Hochzeit repräsentiert folglich den Tod der Jungfrau und ihre Wiedergeburt als vollendete Frau. Hierbei ist es interessant zu erwähnen, dass das Wort „thalamos“ gleichzeitig Grab und Brautgemach bedeutet.

Erneut entsteht hier eine offensichtliche Parallele zur Welt der Bienen : Für die Bienenlarve wird unter anderem auch der Begriff Nymphe verwendet, wobei das Nymphenstadium eine Zwischenstufe von der Larve zum ausgewachsenen Insekt darstellt. Die Jungfrau kann also mit der Bienennymphe verglichen werden, die sich in ihrer embryonalen Phase kontinuierlich weiterentwickelt bis zu dem Moment, an dem sie ihre Hülle aufreisst und als vollendetes Insekt schlüpft. Davon ausgehend kann nun eine Verbindung zwischen der Larvenhülle, dem Brautschleier und dem Hymen hergestellt werden. Die Hochzeit wird somit im antiken Griechenland zur notwendigen Metamorphose der Jungfrau in eine Bienenfrau.

a. Der Archetyp der Bienenfrau

Die Biene ist der Archetyp der perfekten Ehefrau. Sie ist fleissig, produktiv, sparsam, treu, leise, gut organisiert und keusch. In einer Vorstellung, in der die Frau traditionellerweise Ursprung allen Übels ist, repräsentiert die Bienenfrau die Ausnahme von der Regel. Die Ehe, die Zähmung der jungen Ehefrau, scheint somit für die Frau das einzige Mittel zu sein, in ein positives Licht gerückt zu werden. Tatsächlich beschäftigt sich eines der häufig auftretenden Themen der hellenistischen Literatur mit den ehelichen Pflichten der Frauen, wobei letztere als völlig unvernünftige Wesen betrachtet werden. Dem Mann kommt also die moralische Pflicht zu, die Frau unter seine ehelichen Fittiche zu nehmen, um sie so gegen ihre eigene Schwäche zu schützen.

In der Theogonie wird die Drohne mit der untätigen Hausfrau verglichen. Diese verbringt ihre Zeit damit, Fett anzusetzen ohne sich an den Arbeiten zu beteiligen. In dieser Logik scheint es, dass die positiven Attribute der verheirateten (und gebildeten) Frau nichts anderes als die moralischen Eigenschaften sind, die in dieser Ideologie dem Menschen eigen sind.

Eines der wichtigsten Attribute der Bienenfrau ist ihre Keuschheit. Erotik oder sexuelle Triebe werden ausdrücklich verurteilt, denn im Eheleben ist derjenige ein guter Gatte, der seine Lüste beherrschen kann. Indem sie jeglichen sexuellen Versuchungen standhalten, zeigen die Frauen, dass sie der Status der Ehefrau für die Mutterschaft prädestiniert und dadurch von der Verführung abbringt. Mit anderen Worten hat der eheliche Geschlechtsverkehr als einziges Ziel die Fortpflanzung.

b. Honig und Jungfräulichkeit im Christentum

Die Honigproduktion durch die jungfräulichen Bienen ist die unmittelbare Folge einer unbefleckten Mutterschaft, die an die Jungfrau Maria erinnert. Wenn die Biene das Vorzeigemodell einer perfekten Ehefrau ist, so schliesst dies eine mit der Jungfräulichkeit eng verbundene Keuschheit mit ein, die im Christentum als notwendige Voraussetzung für die mütterliche Fruchtbarkeit gilt. Auch wird in der christlichen Tradition die Menstruation, eine provisorische Unfruchtbarkeit also, als eine Verderbtheit angesehen. Der Honig taucht als wesentlicher Bestandteil der Ernährung der Frauen, die auf der Suche nach der christlichen Spiritualität sind, wieder auf. Die christliche Kirche scheint in der Biene das Musterbeispiel einer aktiven Weiblichkeit zu erkennen, welche die für die Gnade Gottes notwendigen moralischen Tugenden entfaltet. Die einzige Möglichkeit, der Weiblichkeit einen göttlichen Aspekt zu verleihen, besteht folglich darin, sich durch Abstinenz, Fasten und Jungfräulichkeit in ein reines Wesen zu metamorphosieren. Es muss darauf hingewiesen werden, dass aus medizinischer Sicht das Fasten zu Anorexie und somit zu Amenorrhoe, also zum Ausbleiben der Regelblutung, führen kann. Jedoch ruft Amenorrhoe auch Blutungen aus anderen Körperöffnungen hervor.

In der christlichen Ethik erscheint demnach der Körper als ein Feind, der von den heiligen Frauen mutig bekämpft werden soll. Bekanntlich üben sich die heiligen Frauen darin, das Fleisch abzutöten. Im allgemeinen müssen sie im Mittelalter den physischen Verfall und die sich daraus ergebenden Schmerzen erdulden. Mit anderen Worten : Die Kommunion mit Christus geht notwendigerweise mit Schmerz und Leid einher, was einen an die symbolische Beziehung aus der hellenistischen Zeit zwischen dem Tod der Jungfrau und die Wiedergeburt der vollendeten Frau erinnert, die den Göttern näher steht.

Das Beispiel von Lidwina der Duldnerin (1380-1433) zeigt, dass man aus dem Zustand der Verwesung ausgehend zu einer vergeistigten, höherstehenden Ebene hinaufsteigen kann, was wiederum auf das Bild der Bienenschwärme des Aristaios verweist, die aus dem Gedärme der geopferten Tiere emporsteigen. Nach ihrem mit ihr verwandten Hagiografen Jan Gerlac, der Sakristan des Augustinerklosters Windsheim war, nahm Lidwina die Dulderin während der neunzehn letzten Jahre ihres Lebens nur die Heilige Eucharistie zu sich. Nach einem Sturz wurde ihr Körper immer schwächer ; ihr Leben war nur noch Leidensweg. Sie war immer bettlägerig und litt schreckliche Infektionskrankheiten.

Aber je mehr ihr Körper verfaulte, desto lieblicher rochen ihre Wunden, die an Honig erinnernde Flüssigkeiten absonderten. [2] Symbolisch gesehen ist die reine, göttliche Lidwina von Schiedam, den heiligen Bienen gleich, aus dem Gedärme ihres Gott geopferten Körpers entschlüpft. Die bildhafte Vorstellung des von ihrem Körper sekretierten Honigs hebt die Metapher hervor.

Diese bescheidene Studie über einige symbolische Netze der Biene unterstreicht die nicht unerhebliche Verbindung zwischen der natürlichen, objektiven Welt und den subjektiven Produkten der Kultur. Das Imaginäre und die sozialen Vorstellungen über die Bienen stellen ein Ideal vor, das Königtum, Heiligkeit und vollkommene Weiblichkeit verbinden. Die symbolischen Umkehrungen der Vorstellungen über dieses Insekt im Laufe der Geschichte beruhen auf altgebrachte Glauben und sind ein Abbild einiger historischer Enwicklungen der Gesellschaft. Bei dem Streben nach Göttlichkeit soll schliesslich besonders auf die seit jeher herrschende, enge Verbindung zwischen Sexual- und Nahrungscode verwiesen.

Julia Tomas IRSA-CRI Oktober 2007

Bibliographie

CHEVALLIER Denis, L’Homme, le porc, l’abeille et le chien, Paris, Institut d’Ethnologie, 1987.

HERTZ Laurent, Dictionnaire des animaux et des civilisations. Linguistique et symbolique, Paris, L’Harmattan, coll. « Biologie, Agronomie, Écologie », 2004.

HÉSIODE, „La Théogonie“, auf französisch online abrufbar http://remacle.org/bloodwolf/poetes/falc/hesiode/theogonie.htm

LATINI Brunetto, Livre du trésor, Paris, 1863 ; in Bestiaires du Moyen Âge, Paris, Stock/Moyen Âge, 1995, Vorwort und Übertragung ins moderne Französische von Gabriel Bianciotto.

MIQUEL Dom Pierre, Dictionnaire symbolique des animaux, Paris, Le Léopard d’Or, 1992.

PASTOUREAU Michel, Les Animaux célèbres, Paris, Bonneton, 2002.

TÉTART Gilles, Le Sang des fleurs. Une anthropologie de l’abeille et du miel, Paris, Odile Jacob, 2004.

[1] Brunetto Latini, Livre du trésor, 1263-1264, mis en français moderne et présenté par Gabriel Bianciotto in Bestiaires du Moyen Âge, Paris, Stock/Moyen Âge, 1995, S. 170-171.

[2] Gilles Tétart, Le Sang des fleurs. Une anthropologie de l’abeille et du miel, S. 156-160

 

 

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